Soziale Energie aus psychologischer Perspektive

– Kategorie: Sonstiges – Lesedauer: 3.4 Minuten
Hartmut Rosa beschreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeit das Konzept „Soziale Energie“. Als Soziologe nimmt er die großen, gesellschaftlichen Themen in den Blick: Globaler CO2-Ausstoß, Digitalisierung, politische Reformationsprojekte Pandemie. Daher möchte ich dieses Konzept um eine psychologische Perspektive ergänzen.

Hier geht es zum Artikel in der Zeit.

Rosa kritisiert, dass wir unsere soziale Beziehungen aus einem kapitalistischem Verständnis heraus betrachten: Was stecken wir an Zeit und Energie hinein, was bekommen wir heraus? Entsprechend hat sich der Begriff „Beziehungsarbeit“ etabliert. Doch diese transaktionale Sicht greife zu kurz, denn nicht Input-Outputverhältnis sind entscheidend für unsere Zufriedenheit und Wohlbefinden, sondern die Prozesse oder emergenten Zustände, die in der Handlung passieren. Das heißt: Die energetische „Arbeit“ und ihr subjektiver Wert liegen im Geschehen selbst und „damit jenseits von Input und Output – man könnte für dieses bewegt Geschehen das holprige Wort „Throughput“ verwenden“ so Rosa.

Rosa baut seine Überlegungen auf chinesischen, indischen, afrikanischen Ideen und Gedanken der griechischen Philosophie auf. Diese Konzepte beschreiben, dass psychosoziale Energie nicht individueller Besitz ist, sondern durch soziale Partizipation entsteht. Unsere Sicht auf soziale Beziehungen durch nicht-westliche Perspektiven zu erweitern ist sinnvoll sowie erkenntniserweiternd. Und sicherlich erlaubt die eingeschränkte Zeichenzahl eines Zeitungsartikels keinen allumfassenden Überblick der westlichen Vorabreiten.

Daher möchte ich hier drei Konzepte beschreiben, an die ich beim Lesen des Beitrags über soziale Energie denken musste:

Intrinsische Motivation

Häufig unterscheiden Managementratgeber zwischen „extrinsischer“ und „intrinsischer“ Motivation. Extrinsisch bedeutet „Zuckerbrot & Peitsche“, intrinsische Motivation, dass ich eine Sache tue, weil ich davon überzeugt bin. Eine alternative – und aus meiner Sicht plausiblere – Beschreibung liefert die Selbstbestimmungstheorie (SBT) von Edward Deci und Richard Ryan. Zentral für die SBT ist die „Motivational Regulation“. Diese erklärt, warum ich ein bestimmtes Verhalten zeige. Laut Deci und Ryan gibt es verschiedene Abstufungen in der extrinsischen Motivation, je nachdem wie kontrolliert oder autonom ich mich bei der Verhaltensausführung fühle. Doch die Regulation (bspw. tue ich eine Sache für die Anerkennung und den Respekt von Kolleg:innen) liegt immer außerhalb der Sache selbst (daher extrinsisch). Intrinsische Motivation bedeutet, dass die Ausführung des Handelns innerhalb des Tuns liegt (ich fahre Ski, weil das Skifahren Spaß macht). Diese Sichtweise ist somit konträr zu den Erklärungen vieler Managementratgeber. Mit Blick auf Rosas „Sozialer Energie“ hilft diese Sichtweise zu verstehen, wie durch intrinsische Motivation ein Energieschub erlebt wird.

Flow

Flow beschreibt nach Mihaly Csikszentmihalyi den mentalen Zustand, in dem die handlungsausführende Person vollständig in ein Gefühl der energiegeladenen Konzentration, des vollen Engagements und der Freude am Prozess der Aktivität eingetaucht ist. Man ist im Tunnel und verliert das Gefühl für Zeit und Raum. Wichtige Voraussetzung für das Erleben von Flow: Die Anforderungen der Aufgabe müssen sich mit meinen eigenen Fähigkeiten decken. Das bedeutet, dass ich als mittelguter Schachspieler wahrscheinlich keinen Flow bei einer Partie gegen einen Novizen erleben werde, aber ebenso wenig bei einem Match gegen Magnus Carlsen.

Motivationale Ansteckung

In einem Artikel, in dem es um die Steigerung von nachhaltigem Verhalten am Arbeitsplatz ging (nachzulesen hier, haben wir das Konzept der „Motivationalen Ansteckung“ beschrieben. Durch die Analyse von Tonbandaufnahmen konnten wir zeigen, dass die geäußerte Veränderungsbereitschaft einer:s Mitarbeiters:in die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass andere Teilnehmer:innen ebenfalls ihre Bereitschaft zur Veränderung äußern. Theoretisch haben wir uns in diesem Artikel auf dem Konzept der emergenten Zustände aufgebaut. Ein Phänomen ist emergent, wenn es zwar seinen Ursprung in den kognitiven, affektiven, verhaltensbezogenen oder anderen Eigenschaften von Individuen hat, durch ihre Interaktionen verstärkt wird und sich als kollektives Phänomen auf einer höheren Ebene manifestiert. Emergente Zustände lassen sich selten aus den individuellen Verhalten oder Eigenschaften der Teammitglieder vorhersehsagen. Erst durch die Interaktion entstehen solch emergente Prozesse, wie motivationale Ansteckung, Psychologische Sicherheit oder kollektive Selbstwirksamkeit, die aus meiner Sicht Überschneidungspunkte zu Rosas Idee der sozialen Energie aufweisen.

Beitrag teilen bei: Twitter oder Facebook


Geschrieben von:

Avatar
Paul Endrejat
Gründer, Coach & Organisationsentwickler

Paul hat in Potsdam und Utrecht Psychologie studiert und an der TU Braunschweig zum Thema Veränderungsmotivation promoviert. Seine Forschungsinteressen sind die Motivierende Gesprächsführung, Design Thinking, Job Crafting und die Steigerung des umweltbewussten Verhaltens. Bzgl. der Organisationsentwicklung interessiert ihn besonders, wie sich eine Innovationskultur etablieren lässt und was wir von "Klassikern" wie Kurt Lewin lernen können

Weitere Beiträge von Paul Endrejat:

Kommentar hinterlassen:

Hinweis: Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und streng vertraulich behandelt. Sie dient aber dazu, dass wir dich bei Bedarf erreichen können. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen, die nicht unseren Richtlinien entsprechen.


Let´s talk about change.