Kontakt halten trotz Kontaktverbot: Kreative Köpfe für KIDS

– Kategorie: Design Thinking – Lesedauer: 7.5 Minuten – 1 Kommentar
In seinen Räumen im Herzen Hamburgs versucht der KIDS e.V. Straßenkindern und -jugendlichen Rat und Zuflucht zu bieten. Doch was tun, wenn aufgrund einer Pandemie solche Räume geschlossen werden müssen? Dieser Frage haben wir uns im Rahmen eines Design Thinking Seminars gestellt.

Ein Why Guy an der Uni Hamburg

Im Sommersemester 2019 nahmen wir, Sepideh Baradaran, Tina Danam, Max Kapaun und Melissa Posselt, allesamt Studierende im Psychologie Master der Uni Hamburg, an einem Seminar zu Agilen Methoden teil. Dort erwartete uns Paul Endrejat von den The Why Guys und auf dem Lehrplan stand: Praxis!* Anstelle von Literaturrecherche und PowerPoint Präsentationen gab uns Paul die Aufgabe, uns einen Praxispartner zu suchen und mit diesem ein reales Problem zu bearbeiten. Gestützt durch Pauls Fachkenntnis und Berufserfahrung haben wir die Herausforderung mit den im Seminar vermittelten Design Thinking Methoden in Angriff genommen.
Doch welchen Praxispartner wählen? Tina meinte, sie kenne da wen.

Let us introduce: KIDS!

Malte Blocks Blick ist ernst, wenn er von seiner Arbeit bei KIDS – Basis und Woge e.V. spricht. KIDS, das steht für Kinder in der Szene; gemeint sind die Kinder und Jugendlichen, die den Großteil ihrer Zeit nicht in einem festen Zuhause oder der Schule, sondern um den Hamburger Hauptbahnhof, als Teil der Obdachlosen-, Drogen- und Prostitutionsszene, verbringen. Die Schicksale, von denen er erzählt, sind nichts für schwache Nerven und als Sozialpädagoge:in eine Vertrauensbasis und eine belastbare Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen, ist keine leichte Aufgabe. Viele mussten schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen machen, die zweifelhafte eigene Interessen verfolgten. In den Räumen von KIDS gibt es Zuflucht, WLAN, Gemütlichkeit und Essen. Und nicht zuletzt – qualifizierte, staatlich geförderte Beratung durch Sozialpädagog:innen. Doch Covid-19 hat im Frühjahr 2020 schlagartig alles verändert: Die Räume des KIDS mussten vorübergehend schließen, der Face to Face Kontakt brach ab und mit ihm drohte die Beziehungsarbeit von Malte Block und seinen Kolleg:innen wieder auf Stand 0 zu fallen.

In unseren Gesprächen mit Malte kristallisierte sich heraus:

  • Digitale Arbeit ist wichtiger denn je, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben.
  • Die digitale Präsenz von KIDS kann personell momentan nicht ausreichend betreut werden und muss inhaltlich attraktiver für die Jugendlichen werden, doch für einen Ausbau fehlt die Finanzierung.
  • Die staatliche Finanzierung muss langfristig beantragt werden, kann also kurzfristige Bedarfe nicht decken. Private Sponsoren finden KIDS oft unattraktiv, weil keine Fotos von den Jugendlichen zu PR-Zwecken zur Verfügung gestellt werden.
  • Der Schutz der Jugendlichen hat erste Priorität – bei allen Lösungen muss die Sicherheit ihrer Daten und Anonymität gewährleistet sein.

Design Thinking – was war das nochmal?

Design Thinking steht für Methoden zur strukturierten Lösungsfindung für komplexe Probleme, wobei eine starke Nutzerorientierung anleitet. Der Design Thinking Prozess kann in vier Phasen unterteilt werden:
Discover: In der ersten Phase geht es zunächst darum, zu verstehen, was das Problem der Auftraggeber:innen eigentlich ist. Das ist gar nicht so leicht wie vielleicht gedacht, und manchmal ist sogar ihnen selbst nicht bewusst, wer alles beteiligt ist, welche Zusammenhänge es gibt und was eigentlich der Kern der Sache ist. Mit einem freien, unvoreingenommenen - und fachfremden - Blick, viel Interesse und Empathie konnten wir die ersten Interviews führen, so wie es die Pandemiebedingungen zuließen: telefonisch, live mit Abstand auf der Terrasse und über Zoom. Unsere vorbereiteten Fragen waren nur der erste Rahmen und durch Zuhören, Beobachten, tiefer Fragen und wieder Beobachten, bekamen wir ein zunehmend klareres Bild vom Projekt KIDS und von den wichtigsten derzeitigen Herausforderungen.

Define: Im nächsten Schritt ging es darum, die Vielzahl an gesammelten Informationen zu strukturieren, Hauptherausforderungen zu definieren und dabei die zentralen Bedürfnisse der Auftraggeber:in zu beachten. Nachdem wir die Digitalisierung, die pädagogische Qualität und die Finanzierung als Hauptherausforderungen definieren konnten, clusterten wir alle gesammelten Informationen nach diesen drei Faktoren. Es wurde deutlich, dass das Fundament der Arbeit, die Vernetzung mit den jungen Menschen, durch alle drei Faktoren stark beeinflusst wird. 
Für unsere weitere Arbeit definierten wir folgende Kernfrage:
Wie kann KIDS die Qualität dort sichtbar machen (digital), wo es die Jugendlichen sehen und daraufhin zu ihnen kommen (physisch oder digital)?
Unserem Auftraggeber war es besonders wichtig, diese beiden zentralen Werte zu berücksichtigen:

  1. Schutz der Jugendlichen und
  2. Hohe Qualität der pädagogischen Arbeit.

Diese Werte und einen besonderen Fokus auf (Zwischen-)Menschlichkeit und auf die Privatsphäre der Jugendlichen bezogen wir in die Beantwortung der Kernfrage ein. So passte sie dann auch unsere:m Auftraggeber:in.

Design: Zur Ideenfindung nutzten wir Brainstorming mit verschiedenen Methoden. Unser Ziel war es, so viele Ideen wie möglich zu generieren und über den Tellerrand hinauszudenken – hier war also alles erlaubt! Es kamen einige wilde Ideen dabei raus: Influencer und Sport-Vereine, die KIDS medial unterstützen sollten; mobile WLAN-Hotspots, mit denen ein wenig KIDS-Feeling auf die Straße gebracht werden kann; Imbissgutscheine und Netflixzugänge unter die Jugendlichen bringen. Zum Schluss einigten wir uns auf drei Hauptthemen, die wir unserem Projektpartner gerne vorstellen wollten:

  1. Die Erstellung eines Instagram Business Accounts, der die digitale Präsenz von KIDS ausweiten würde
  2. Die Gestaltung eines neuen, jugendgerechten Flyers
  3. Die Befragung von Jugendlichen, welche bereits erfolgreich von KIDS betreut wurden, und die Verfilmung besagter Erfolgsstories in Form von animierten und anonymisierten kurzen Videoclips als Werbeinstrument für unseren Projektpartner.

Deliver: In der letzten Phase ist das Ziel, den Klient:innen Prototypen von Lösungsmöglichkeiten vorzustellen und diese anhand deren Feedbacks iterativ zu verbessern. Dadurch soll erreicht werden, dass wirklich ein passendes Produkt entwickelt wird und schnell nachjustiert werden kann, wenn man sich auf unpassende Pfade begibt. In unseren Treffen mit Malte stellte sich z.B. heraus, dass wir teilweise “neue” Ideen generiert haben, die KIDS schon längst umgesetzt hatte.
Lösung - Animierte Clips als vielseitige Möglichkeit
Doch zwei unserer Ideen schafften es über die Zielgerade. Unsere Entwürfe für Infoflyer, die leicht verständlich, farbenfroh und versehen mit Hinweisen zu KIDS’ Social Media Kanälen Jugendliche ansprechen, leitete Malte in die Flyer AG von KIDS weiter; sie stehen im Kontrast zum bestehenden, auf Erwachsene ausgerichteten Infoflyer.

Am begeistertsten waren wir alle schließlich von der Idee, kurze animierte Videoclips herstellen zu lassen. So kann den Jugendlichen ein Gesicht gegeben und gleichzeitig ihre Anonymität gewahrt werden. Infos zum Prozedere bei KIDS; attraktive Inhalte für social Media Kanäle; motivierende Messages der Jugendlichen an andere Betroffene oder Unterstützer; ein Dankeschön an Spender mit Darstellungen, was private Spenden bewirken - den möglichen Anwendungen sind kaum Grenzen gesetzt.

Das beeindruckende an dieser Lösung war, dass es eine Lösung für mehrere Herausforderungen gleichzeitig ist. Zum einen tragen die Videoclips zur (digitalen) Vernetzung von KIDS und den Jugendlichen bei, indem Vertrauen durch Geschichten von Peer-Groups aufgebaut werden kann. Indem die Geschichten der Jugendlichen aus erster Hand erzählt werden, werden die alltäglichen Herausforderungen der Jugendlichen auch für Außenstehende greifbar. Damit werden die so wichtigen privaten Finanzierungen für Sponsoren attraktiv. Für die Realisierung der Produktion der Videoclips überlegten wir wie die Bedürfnisse der dafür nötigen Stakeholder ineinandergreifen können. Auf Seiten von KIDS bestand das Bedürfnis nur sehr geringe finanzielle Mittel zur Verfügung zu haben. Auf Seiten der Filmagenturen war zu erwarten, dass sie auf Grund der aktuellen Pandemie zur Zeit mehr Leerlauf haben. Wir hofften daher, dass sie ein soziales Projekt auch für geringe Bezüge begrüßen würden.
Um das Projekt umzusetzen stellten wir also Kontakte zu Animationsstudios her, die soziale Projekte pro bono unterstützen. Zur weiteren Planung vernetzten wir die Kontakte mit unserem Ansprechpartner Malte Block.

Ein Projekt von:

Christina Danam
Christina schreibt gerade ihre Masterarbeit in Psychologie an der Universität Hamburg. Sie ist Scrum Master (Scrum Alliance®) seit 2018 und an vielfältigen agilen Themen interessiert - besonders in der Anwendung und dieses Mal zusätzlich mit extra Fokus auf die Theorie.

Max Kapaun
Max schreibt gerade seine Masterarbeit in Psychologie an der Universität Hamburg in Kooperation mit der OTTO GmbH & Co KG. Dabei untersucht er Interaktionsmuster und die Produktivität von agilen Teams in Teammeetings. Besonders interessieren ihn agile Teamprozesse und die Veränderung von Verhalten über die Zeit.

Melissa Posselt
Melissa ist Master-Studentin und Lehrbeauftragte im Arbeitsbereich Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Hamburg. Sie interessiert sich vor allem für die Themen agile Methoden, Coaching und Veränderung von Gewohnheiten.

Sepideh Baradaran
Sepideh studiert Psychologie an der Universität Hamburg und hat vor kurzem ihre Masterarbeit erfolgreich bestanden. Ihre im Studium erworbenen Kenntnisse zu agilen Methoden vertieft sie derzeit im Rahmen eines Praktikums als Agile Coach in der Business Intelligence der Otto GmbH & Co KG in Hamburg. Darüber hinaus absolviert sie aktuell eine Zertifizierung zum Scrum Master.

*Anmerkung von Paul: Wissenschaft stand auch auf der Agenda. Alle Studierenden haben neben ihrem Design Thinking Projekt ein Referat zu Themen wie „Team Composition“, „Virtual Teams” und “Team diagnosis” auf Basis wissenschaftlicher Studien gehalten.

Quellen:

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Paul Endrejat
Gründer, Coach & Organisationsentwickler

Paul hat in Potsdam und Utrecht Psychologie studiert und an der TU Braunschweig zum Thema Veränderungsmotivation promoviert. Seine Forschungsinteressen sind die Motivierende Gesprächsführung, Design Thinking, Job Crafting und die Steigerung des umweltbewussten Verhaltens. Bzgl. der Organisationsentwicklung interessiert ihn besonders, wie sich eine Innovationskultur etablieren lässt und was wir von "Klassikern" wie Kurt Lewin lernen können

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Kommentare:

Cedric Lachmann schrieb dazu am :

Tolle Geschichte :)
Immer schön zu sehen, wie schnell und effektiv man mit Design Thinking zu guten Lösungen kommt.


Let´s talk about change.