Brainstorming ist Bullshit

– Kategorie: Design Thinking – Lesedauer: 4.6 Minuten
Brainstorming funktioniert nicht. Die Ergebnisse bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Der erhoffte Sturm auf das Problem wird mehrfach ausgebremst. Wie dies gelöst werden kann, erklären Daniel und Pascal im Beitrag.

Wir stellen die beiden größten Probleme vor und bieten zwei Lösungen an, um die kreative Teamarbeit effektiver zu machen:

Problem 1: Nur einer kann reden

Hoch motivierte Brainstormer müssen warten, bis andere ausgeredet haben und weniger motivierte Brainstormer können sich auf den Lorbeeren der anderen Gruppenmitglieder ausruhen. Nun könnte man denken, die motivierten Gruppenmitglieder könnten die „Wartezeit“ ja produktiv nutzen, um in sich weiterzustürmen. Tatsächlich ist dies nur schwer möglich. Wir haben einige andere Aufgaben, die uns auf Trapp halten: Wir müssen unsere Ideen gedanklich wiederholen, um sie nicht zu vergessen und wir müssen zuhören, um auf den Ideen der anderen aufbauen zu können und wir müssen aufpassen, um das Wort ergreifen zu können. Dadurch reißen unsere Gedankengänge ab und die Bildung ganz neuer Gedankengänge wir erschwert.

Problem 2: Weg des geringsten Widerstandes

Aber nicht nur die Wartezeit ist problematisch. Die Entwicklung kreativer Ideen ist geistige Schwerstarbeit. Kreative Ideen entstehen erst, nachdem wir bekannte und leicht abrufbare Ideen „abgeladen“ haben – und dann weiter an neuen Ideen arbeiten. Unsere Denkarbeit kann uns dabei über zwei Pfade zu neuartigen Ideen führen: 1) Der Konzept-Ideen-Pfad: Indem wir uns hartnäckig tiefer innerhalb einer Denkrichtung vorarbeiten oder 2) der Konzepte-Pfad: Indem wir flexibel immer wieder neue Denkrichtungen einschlagen und so zu kreativen Lösungsperspektiven vorstoßen. Dabei gehen die TN während eines Brainstorming den „Weg des geringsten Widerstandes“ (Ward, 1994).Dies bedeutet, dass wir uns häufig die erstbesten Ergebnissen zufriedenstellen sind. Betrachten wir hierzu den Konzept-Ideen-Pfad der Kreativität. Hier müssen wir davon ausgehen, dass Brainstormer, die die Regel „Quantität vor Qualität“ beherzigen, sich nicht hartnäckig in die Tiefe einer Idee vorarbeiten. Die üblichen Ideen warten nur darauf, abgerufen zu werden. Dasselbe gilt für den Konzepte-Pfad zur Kreativität: auch das Entwickeln immer wieder neuer Denkrichtungen ist mühsam, zeitaufwendig und lieber beschäftigen wir uns für eine gewisse Zeit damit innerhalb einer Denkrichtung an der Oberfläche zu schürfen. Beide Pfade zur Kreativität sind folglich nur schwer vereinbar mit dem Ziel des Brainstormings, möglichst viele neuartige Ideen zu entwickeln.
Für die Praxis ergibt sich die Frage, wie diese Probleme überwunden werden können, um Brainstorming in Gruppen so gestaltet werden können, dass sich der erhoffte Sturm auf das Problem in Richtung Orkan steigert und nicht in Windstille endet.

Lösung 1: Brainwriting

Für das Problem der Wartezeiten gibt es eine gute Lösung: Brainwriting oder auch unter Silent Brainstorming bekannt. Dies ist eine schriftlichen Variante des Brainstorming, bei der jeder Teilnehmende zunächst in Einzelarbeit Ideen sammeln und vertiefen kann. Dabei reichen meist schon einige Minuten aus, um damit alle Einfälle zu sammeln und im Anschluss teilen können. Alle Teammitglieder können sich dabei mit Post-Ist ausgestattet bewegen oder beispielsweise einen etwas ruhigeren Ort nutzen.

Lösung 2: Das Konzeptdreieck

Auch für das Problem, den „Weg des geringsten Widerstandes“ einzuschlagen, kann Abhilfe geschaffen werden. Ein Ansatz ist das Konzeptdreieck nach Edward de Bono (1992). Dieses nutzt die beiden Pfade zur Kreativität auf einfache Art und Weise. Das Konzeptdreieck unterscheidet zwischen der Ebene von Konzepten (Denkrichtungen und Perspektiven) und der Ebene von Ideen (tiefe Exploration). Damit ermöglicht diese Methode, dass Gruppen gezielt breite und flexible, unterschiedliche Denkrichtungen ausloten, die anschließend in der Tiefe exploriert werden. Damit eröffnen sich durch diese Methode beide Pfade zur Kreativität. Gruppen können mit diesem Verfahren daher ihre Chance, einen kreativen Output zu erhalten, erheblich steigern.
Schluss mit Bullshit: Das Konzeptdreieck

Dann begeben wir uns mal in eine kleine gedankliche Workshopsession und testen das Konzeptdreieck: Vor uns manifestiert sich ein Glas mit Wasser und die Herausforderung ist dieses zu leeren ohne das Glas auszuschütten.

Der Konzept-Ideen-Pfad zur Kreativität

Unsere erste Idee ist, das Glas auf eine Herdplatte zu stellen, was uns dann zur Konzeptebene führt. Denn dahinter steckt das Konzept der Verdunstung durch Hitze. Jetzt bleiben wir aber nicht stehen, sondern widmen uns der Ebene von Ideen, die auf diesem Konzept aufbauen. Indem wir also diesen ersten Pfad zur Kreativität explorieren, ergeben sich weitere Alternativen. Eine Kerze erzeugt auch Hitze und bringt das Wasser zum Verdunsten. Langsam aber stetig lässt auch die Sonne das Wasser verdunsten. Dranbleiben ist die Devise. Je mehr Ideen wir aus diesem Konzept ableiten, desto höher die Chance, dass wir zu kreativen Ideen gelangen. Eine etwas originellere Idee wäre z.B., das Wasser durch beigemischte Chemikalien zum Verdunsten zu bringen.

Abbildung 1: Der Konzept-Ideen-Pfad zur Kreativität (tiefgehende Exploration durch Konzeptdreieck am Beispiel).

Der Konzepte-Pfad zur Kreativität

Um den zweiten Pfad zur Kreativität zu explorieren, springen wir von der Herausforderung direkt auf die Konzeptebene und entwickeln fokussiert immer wieder neue Denkrichtungen und Perspektiven und vermeiden konkrete Ideen. Auch hier zahlt sich Beharrlichkeit aus, da die Chance für kreative Denkrichtungen steigt, je länger wir die Breite denken. Nachdem wir eher gewöhnliche Konzepte entwickelt haben, wie z.B. das Konzept Aufsaugen oder das Konzept Unterdruck, stoßen wir nach und nach möglicherweise auch auf originellere Konzepte wie z.B. das Konzept Osmose, aus dem wir dann auch eine konkrete Idee ableiten können.

Abbildung 2: Der Konzepte-Pfad zur Kreativität (breite Exploration durch Konzeptdreieck am Beispiel).

Quellen
De Bono, E. (1992). Serious Creativity; Using the power of lateral thinking to create new ideas. Toronto: HarperCollins.
Stroebe, W., Nijstad, B. A. & Rietzschel, E. F. (2010). Beyond productivity loss in brainstorming groups: The evolution of a question. Advances in Experimental Social Psychology, 43, S.157-203.
Ward, T. B. (1994). Structured imagination: The role of category structure in exemplar generation. Cognitive Psychology, 27, 1–40.

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Daniel Herrmann
Coach & Konzeptentwickler

Daniel ist Kreativitätsforscher. Ihn treibt in die Frage an, ob hinter der Unkalkulierbakeit kreativer Geistesblitze (z.B. bed, bath, bicycle) nicht doch ein System steckt. Seine Forschungserkenntnisse setzt er ein, um Gruppen in Workshops zu mehr Kreativität zu bringen und präsentiert sie hier im Blog.

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Pascal Abel
Gründer & Coach

Pascal ist leidenschaftlicher Coach und arbeitet aber auch gerne selbst in einem Innovationsteam. Seine größte Leidenschaft ist dabei das Prototyping und Testing. Über den Blog bringt er konkrete Methoden in die Welt und philosophiert gerne über Empathie. Durch seine handwerkliche Ausbildung hat er immer den Drang entwickelt auch gerne selbst etwas zu erschaffen, was er im DenkRaum und bei allen Creative-Spaces-Projekten voll ausleben kann.

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